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Mit Vollgas in die Selbständigkeit

29. April 2021

KfZ-Mechanikerin Tanja Trautmann repariert in der Lüneburger Heide alte und neue Supersportwagen

Im verträumten Heide-Örtchen Egestorf wundern sich die Einwohner schon lange nicht mehr, wenn mal wieder ein Maserati mit 800 PS durch ihren Dorfkern röhrt. Der Bolide wird wohl unterwegs sein zu Tanja Trautmann. In ihrer Werkstatthalle am Ortsrand repariert die KFZ-Mechanikermeisterin seit Anfang 2020 neben Old- und Youngtimern vor allem Supersportwagen wie Lamborghinis, Ferraris, McLaren und Maseratis.

Die quirlige Frau mit den blonden Dreadlocks war vor der Gründung des eigenen Unternehmens zehn Jahre lang Werkstattleitung beim aus Funk und Fernsehen bekannten Hamburger Luxus-Autohändler Continental Cars. Mit ihrer großen Erfahrung hat sie sich in dieser Zeit in der Szene einen Namen gemacht als „Frau für alle Fälle“. Als Laden und Werkstatt aufgrund eines Rechtsstreits der Inhaber geschlossen wurden, kamen die Inhaber des Konkurrenzunternehmens „Emilia Auto“ mit der Idee der eigenen Werkstatt auf sie zu.

Anfängliche Skepsis

„Ich habe sofort nein gesagt“ erinnert sich Tanja Trautmann lachend. „Mit 53 Jahren mach ich mich doch nicht noch selbständig.“ Vor allem hatte sie Sorge, auf einem riesigen Schuldenberg zu sitzen, wenn „irgendein Mist“ passiert. Zumal sie sich kurz zuvor gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten einen Traum erfüllt und einen alten Resthof Baujahr 1749 gekauft hatte, in dem all ihr Kapital steckte. Doch die beiden Sportwagenhändler ließen nicht locker und räumten nach und nach all ihre Bedenken aus. „Irgendwann gingen mir einfach die Argumente gegen die Gründung aus“, berichtet Frau Trautmann. Der Bürojob, den sie zwischenzeitlich bei einem Stoßdämpferhersteller begonnen und der sie von Anfang an nicht glücklich gemacht hatte, wurde kurzerhand noch in der Probezeit wieder gekündigt und die „Emilia Autoservice GmbH“ gegründet.

Gesellschafter der GmbH sind zu 50% die Emilia Auto GmbH und zu 50% Tanja Trautmann. Wichtig war dabei für Frau Trautmann vor allem, dass sie ihre Werkstatt als Geschäftsführerin dennoch komplett eigenverantwortlich führen und neben den Fahrzeugen von Emilia Auto auch eigene Kunden akquirieren kann. Die Unterstützung und das (vor allem finanzielle) Know-how ihrer Co-Gründer waren und sind für sie dennoch von unschätzbarem Wert.

Unterstützung im Gründungsprozess

Für den Gründungsprozess holte sich Tanja Trautmann außerdem Unterstützung bei der Beratungsgesellschaft M. Willkomm in Lüneburg. Mit ihrer Gründungsberaterin Karin Witt diskutierte sie offen alle Fragen, die im Gründungsprozess auftraten. „Das war für mich unheimlich hilfreich. Man hat ja ganz viele Gedanken im Kopf, es kamen immer wieder neue Ideen auf,“ erinnert sich die Gründerin. Und gerade im Bereich Finanzplanung war die Unterstützung durch Frau Witt wichtig. „Man weiß ja anfangs gar nicht, was alles so an Kosten auf einen zu kommt. Zum Beispiel ist die Versicherung sehr teuer, denn die Wagen sind ja in der Regel wirklich wertvoll.“ Die größte Herausforderung im Gründungsprozess war es dann aber, eine geeignete Halle zu finden. Besonders wichtig war Frau Trautmann eine gute Erreichbarkeit für ihre Kunden. Zudem sollte die Halle vernünftig aussehen und gewisse Sicherheitsstandards für die teuren Supersportwagen bieten. Nach 3-monatiger Suche wurde Tanja Trautmann dann Anfang 2020 in Egestorf fündig: Eine neu erbaute Lagerhalle in der Nähe der Autobahn konnte als Werkstatt umgenutzt werden. Dafür mussten zwar noch einige bürokratische Hürden genommen werden, aber nun ist die Halle perfekt für ihre Zwecke.

Eine weitere Herausforderung war für die Existenzgründerin der große „Papierkrieg“, den der Schritt in die Selbständigkeit mit sich bringt. „Man glaubt auch gar nicht, wie viele Menschen versuchen, einen zu betrügen, wenn man sich selbständig macht. Ich habe zum Beispiel diverse Zahlungsaufforderungen erhalten, die sich als Fake herausgestellt haben. Gottseidank habe ich das aber rechtzeitig bemerkt“, berichtet die Gründerin. „Alles in allem war die Gründung eine sehr stressige Zeit, in der ganz viel gleichzeitig gemanagaged werden muss. Da war ich schon sehr dankbar für Frau Witt an meiner Seite.“

Große Nachfrage von Beginn an

Die Eröffnung der Werkstatt im Frühling 2020 schlug dann ein „wie eine Bombe“. Auch wenn eine Eröffnungsfeier leider wegen der Corona-Pandemie nicht möglich war, prasselten gleich nach der Gründung zahlreiche Aufträge ein. Und so ging es weiter bis heute. „Werbung brauch ich gar nicht. Ich weiß ja ohnehin schon gar nicht mehr wohin mit der ganzen Arbeit“, freut sich die Gründerin. Die exzellente Auftragslage hat dann auch schnell dazu geführt, dass Tanja Trautmann anfing, sich nach Unterstützung umzusehen. Seit Dezember kommt wöchentlich eine Bürohilfe, kürzlich hat Tanja Trautmann außerdem noch einen jungen KfZ-Mechatroniker und einen Auszubildenden eingestellt.

Ihre Kunden kommen aus ganz Deutschland zu ihr in die Lüneburger Heide. Ihr großes Know-how und ihre langjährige Erfahrung mit alten und neuen Sportwagen aller Fabrikate hat sich unter Auto-Kennern herumgesprochen. „Was mich wohl auszeichnet ist, dass ich nicht auf bestimmte Marken spezialisiert bin. Ich repariere alles: Amerikaner, Engländer, Italiener, Deutsche, Baujahr 1930 bis 2021“, beschreibt Tanja Trautmann ihren breiten Erfahrungsschatz.

Schon als Jugendliche hat die heute 54-Jährige gern an Autos rumgeschraubt. Die eigene Oldtimer-Werkstatt war schon immer ihr Traum. Die Ausbildung zur KfZ-Mechanikerin war da nach der Schule nur folgerichtig, wenn auch in den 1980er-Jahren für Frauen noch eher exotisch. „Die meisten Werkstätten konnten schon deshalb keine Frauen einstellen, weil Sie keine Damentoilette hatten“, erinnert sich die Kfz-Meisterin. Doch von solchen Hindernissen ließ Tanja Trautmann sich nicht aufhalten. Im Gegenteil: Die Vorurteile und Skepsis einiger männlicher Kollegen, ob sie auch wirklich bereit sei, „sich die Hände schmutzig zu machen“ spornten sie erst recht zu Höchstleistungen an.

Doch auch wenn sie ihren Beruf liebt und Autos ihre große Leidenschaft sind, war für die vielseitig interessierte Powerfrau die Fokussierung auf ein einziges Thema schon immer viel zu langweilig. Aus purem Interesse und Spaß an neuen Themen studierte Tanja Trautmann nebenher noch angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg und Tiermedizin im Fernstudium. Ihre theoretischen Veterinärkenntnisse an ihrer Hündin Pizza, ihren fünf Katzen oder der großen Hühnerschar auf ihrem Resthof anzuwenden, traut sich die Tierfreundin dann aber doch lieber nicht. „Ich repariere lieber Autos als Tiere“, betont die Gründerin augenzwinkernd.

Auf ihrem Hof warten neben vier alten Opeln und einem alten Mercedes noch unzählige andere alte Geräte darauf, von Tanja Trautmann zerlegt und repariert zu werden. Der Unternehmerin fehlt dafür momentan aber schlicht die Zeit. „Es gibt so wahnsinnig viel zu tun, in der Werkstatt stauen sich die Aufträge, dazu der Hof, die Tiere und und und…“ Für Tanja Trautmann müsste der Tag gerade mindestens doppelt so viele Stunden haben. Und doch ist die Gründerin rundum zufrieden und glücklich mit ihrer Entscheidung. Trotz aller anfänglichen Zweifel – den Schritt in die Selbständigkeit hat sie noch nicht eine Sekunde bereut.

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