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Der Mensch ist die beste Medizin für den Menschen

11. Januar 2021

Ambulanter psychiatrischer Pflegedienst unterstützt in der Ostheide psychisch erkrankte Menschen im Alltag und schafft neue Arbeitsplätze in strukturschwacher Region

„Wir haben einfach einen Bedarf erkannt,“ beschreibt Sarah Schulz die Motivation für ihre Unternehmensgründung. „Es gibt hier in der Region irre lange Wartelisten für ambulante psychiatrische Pflege. Nur zwei weitere Dienste in Lüneburg bieten APP an.“

Frau Schulz ist eine von zwei Geschäftsführerinnen des „APP Ostheide“ in Neetze. Gemeinsam mit ihrer Freundin und Kollegin Caroline Hölscher hat sie das Unternehmen am 1. Oktober 2020 gegründet. Beide haben auch zuvor schon einige Jahre mit psychisch kranken Menschen gearbeitet und immer wieder festgestellt, dass der Bedarf an häuslicher Betreuung das Angebot in der Region bei weitem übersteigt. So entstand mit der Zeit die Idee, einen eigenen APP-Dienst zu gründen.

Die ambulante psychiatrische Pflege (APP) bietet psychisch Erkrankten eine Betreuung und Begleitung während einer Krise oder als Nachbetreuung im eigenen Wohnraum an. Stationäre Behandlungen sollen dadurch vermieden oder verkürzt werden. Die Betreuung reicht dabei von Alltagshilfen wie der Unterstützung beim Einkaufen oder gemeinsamen Spaziergängen über Krisengespräche bis hin zur Entwicklung von Strategien zur Überwindung von Ängsten oder Zwängen.

Hilfe zur Selbsthilfe für psychisch Erkrankte

„Wir machen das, was gerade gebraucht wird. Das legen wir individuell mit dem Patienten fest. Professionelle Gespräche, konkrete Hilfen oder Anregungen, um Sorgen, Ängste, Nöte loszuwerden…. Eigentlich alles außer körperliche Pflege und Psychotherapie“ beschreibt Caroline Hölscher das Angebot ihres Pflegedienstes. „Unsere Aufgabe ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Unser Ziel ist es, uns nach und nach selbst überflüssig zu machen, um den Patienten wieder in die Selbständigkeit entlassen zu können.“

Der Pflegedienst deckt dabei die ganze Bandbreite von psychischen Erkrankungen ab. Die meisten Patient*innen leiden unter Depressionen und ihren Begleiterscheinungen, aber auch Menschen mit Angsterkrankungen, Schizophrenie, Zwangsstörungen, Psychosen oder Demenz werden betreut.

Die Nachfrage ist von Anfang an groß. Aktuell werden 25 Patient*innen betreut, die Warteliste für Nachrücker ist voll. Die jüngsten Betreuten sind erst Anfang 20, die ältesten bereits über 70, eine Häufung ist allerdings in der Altersgruppe zwischen 35 und 55 zu beobachten. Die Patient*innen werden von ihren Ärzten in die APP vermittelt, die Abrechnung erfolgt über die Krankenkassen. Über einen Zeitraum von bis zu vier Monaten werden die Patient*innen regelmäßig von ihrem/r Bezugspfleger*in besucht. Die Betreuungsintensität ist dabei individuell: „Manchen Patienten reichen zwei Kontakte in der Woche, manche sind noch so instabil, dass wir täglich hinfahren“, erklärt Frau Schulz. Auch akute Notfälle kommen vor, sind aber eher die Ausnahme. Die 24-Stunden-Rufbereitschaft wird dafür von den beiden Geschäftsführerinnen persönlich abgedeckt. Die Mitarbeiter*innen haben Flexi-Verträge, um bei Notfällen spontan Stunden aufstocken zu können.

Auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie machen sich aktuell bemerkbar. Gerade psychisch labile Menschen leiden sehr unter den aktuellen Einschränkungen ihres gewohnten Alltags. „Netzwerke können gerade nicht stattfinden, Tagesstätten, Treffs, soziale Kulturzentren fallen aus. Alltag und Struktur fallen weg, der Sozialkontakt bricht ein. Wir hören oft von Anrufern, dass sie einfach mal jemanden zum Reden brauchen“, berichtet Frau Hölscher von den Nöten ihrer Klient*innen.

Attraktive Arbeitsplätze in strukturschwacher Region

Vom 2.600-Seelen-Dorf Neetze östlich von Lüneburg aus deckt der Pflegedienst die Region Ostheide sowie die Landkreise Lüneburg, Uelzen und Dannenberg ab. Den Gründerinnen war es besonders wichtig, ein Angebot für die strukturschwache Region zu schaffen. „Der Weg von hier in die Netzwerke der Sozialpsychiatrie in den Städten ist einfach irre weit“, weiß Sarah Schulz.

Fünf feste Mitarbeiter*innen wurden gleich mit der Unternehmensgründung eingestellt, eine sechste folgte im Januar 2021. Alle Angestellten sind ausgebildete Pflegekräfte mit Berufserfahrung auf dem psychiatrischen Gebiet und einer Zusatzfortbildung im Bereich ambulante psychiatrische Pflege oder Sozialpsychiatrie.

Trotz deutschlandweitem Mangel an ausgebildeten Pflegefachkräften war es für die Gründerinnen kein Problem, qualifiziertes Personal zu finden. „Wir wollten zwei Stellenanzeige in die Zeitung setzen und sind nach der ersten so überrannt worden, dass wir die zweite wieder abgesagt haben“, beschreibt Frau Hölscher. „Im Regeldienst zu arbeiten und die Wochenenden und Feiertage frei zu haben ist für Pflegekräfte natürlich sehr reizvoll.“

Die beiden Gründerinnen sind heute stolz auf ihr erfahrenes Team und die tolle Zusammenarbeit. „Unser Team unterstützt uns sehr viel und sehr gerne. Bei uns gibt es auch nicht oben die Geschäftsführung und unten das Team, sondern wir erarbeiten die Strukturen des Unternehmens alle gemeinsam“, beschreibt Caroline Hölscher. Die ausgebildete Heilerziehungspflegerin ist in der Geschäftsführung für die Teamführung, die Koordination und die Aufnahme neuer Patient*innen zuständig. Die Sozialpädagogin Sarah Schulz übernimmt die gesamte Verwaltung, die Abrechnung mit den Krankenkassen, den Kontakt zu den gesetzlichen Betreuern etc.

Mit dieser Arbeitsteilung und der Zusammenarbeit in der Geschäftsführung der GbR sind die beiden Gründerinnen ebenfalls sehr zufrieden: „Alles läuft Hand-in-Hand, man kann sich aufeinander verlassen, das ist ein Geben und Nehmen. Das ist bei einer Teamgründung nicht unbedingt selbstverständlich.“

Zumal die beiden Gründerinnen mit 28 und 26 Jahren noch am Anfang ihres Berufslebens stehen. Gerade vor diesem Hintergrund haben sie sich gründlich überlegt, ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen. „Wir haben ganz viel gelesen und uns lange gefragt, ob wir das wirklich machen wollen. Zum Jahreswechsel 2019/20 haben wir die Gründung dann in Angriff genommen und alles in Bewegung gesetzt“, erinnern sich die beiden jungen Frauen.

Erfolgreicher Gründungsprozess

Von dieser Entscheidung bis zur offiziellen Gründung der GbR vergingen dann noch einmal rund neun Monate. Während dieser Zeit wurden die Gründerinnen von der Beratungsgesellschaft M. Willkomm mbH in Lüneburg begleitet. Ihr Gründungsberater stand den beiden Frauen bei all ihren Fragen mit Rat und Tat zur Seite und ist begeistert von seinen beiden Klientinnen: „Die Zusammenarbeit mit Frau Hölscher und Frau Schulz war wirklich klasse. Beide setzten in der Beratung erarbeitete Sachverhalte sehr gut und professionell in ihrem Businessplan um. Dadurch konnten wir uns gemeinsam Zeit für eine solide Finanzplanung nehmen. Ich freue mich sehr, dass die Gründung, auch gerade in der aktuellen Zeit, erfolgreich verläuft und neue Perspektiven für die Region geschaffen werden konnten.“

Trotz der guten Geschäftsidee und der gut vorbereiteten Gründerinnen galt es im Gründungsprozess, gemeinsam noch einige Hürden zu überwinden: Die Firmenfahrzeuge konnten nicht geleast werden, da die Banken von Neugründern hohe Sicherheiten verlangen. Die Autos wurden dann stattdessen gebraucht gekauft. Die Zulassung für die Krankenkassen war sehr schwierig zu bekommen und hat sich sehr lange hingezogen. Um zugelassen zu werden musste zudem bereits das Personal eingestellt werden, ohne zu wissen, ob die Zulassung dann überhaupt erfolgt.

„Das alles war zwischendurch schon sehr, sehr nervenaufreibend“, erinnert sich Caroline Hölscher. „Die Unterstützung durch die Beratungsgesellschaft Willkomm war da wirklich hilfreich, weil unser Berater uns mit seinem Wissen und seiner Erfahrung unheimlich viel unterstützen konnte. Wir haben uns sehr gut aufgehoben gefühlt und schätzen auch sehr, dass er sich auch jetzt noch immer mal wieder meldet, um zu fragen, wie es läuft“, betonen die Gründerinnen. Trotz zwischenzeitlicher Stolpersteine wurde der Gründungsprozess dann auch erfolgreich abgeschlossen: Gründungszuschuss und Bankkredite wurden bewilligt, Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten und Einrichtungen geschlossen und passende Räumlichkeiten in einer ehemaligen Arztpraxis angemietet. Die beiden Gründerinnen blicken zufrieden auf das letzte Jahr zurück und optimistisch in die Zukunft: „Natürlich haben wir auch im Privatleben Pläne, die wir noch verwirklichen möchten. Die sind für die nächsten Jahre jetzt aber erstmal aufgeschoben, der volle Fokus liegt jetzt auf unserem Unternehmen“, sind beide sich einig.

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